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Samstag, 5. 3. 2005

PaderHalle


20 Jahre und mehr - eine kleine Kabarettgeschichte
Im Jahre 1983, vor dem legendären Eiscafe Favretti, wurden Bernd Düring und Eckhard Radau von Erwin Grosche
einander vorgestellt. Erwin spielte damals unter anderem mit
Bernd eine neue Langspielplatte ein und Eckhard wollte neben
seiner Band ein wenig im Chansongeschäft schnuppern. So traf man sich dann im Herbst selbigen Jahres und arbeitete Eckhards alte Vertonungen zu Gedichten Kurt Tucholskys um und übte neue Titel ein.

Am 2. April 1984, dem Datum, an dem der Roman „1984" von
George Orwell beginnt, fand die Premiere des Tucholsky-
Programms „Das Lächeln der Mona Lisa" im damaligen
Paderborner „Treibhaus" statt.

Der Erfolg machte neugierig auf weitere Auftritte und andere
Vertonungen. Im Sommer 1984 begann das Duo die Arbeit am
Erich-Kästner-Programm „Gesang zwischen den Stühlen", das
1985 in den Westfälischen Kammerspielen uraufgeführt wurde.

Zu diesem Zeitpunkt probte ein gewisser Rüdiger Hoffmann
ein neues Bühnenprogramm und nahm bei Bernd Düring
Klavierunterricht. Eckhard Radau wurde in diesem Jahr für das
Brecht-Stück „Der Kaukasische Kreidekreis" engagiert.

Der erste Künstlerball in der PaderHalle verzeichnete als
Teilnehmer unter anderem: Bernd Düring, Eckhard Radau und
Helge Schneider, dessen Frisur damals noch etwas kürzer war,
der aber schon per Bobbycar und Kindertrompete lautstark auf
sich aufmerksam machte.

In den folgenden Jahren war das Duo „Laut & Leise", wie sich
Radau und Düring nannten, mit den beiden literarischen
Programmen kreuz und quer in Deutschland unterwegs.
1988 erfolgte eine erste Revue zur Kabarettgeschichte: "Dem
Volk aufs Maul - vom Kaiserreich zum Wirtschaftswunder".

Die Wende im Herbst 1989 war auch die Wende hin zum
bekennenden politischen Kabarett, zum ersten Mal auch mit
eigenen Texten. „Die Deutschen, vereinigt sein und rechts und
Freizeit" lautete der provozierende Titel, gefolgt von dem 1990
entwickelten Programm „Keine Sorge - Volksentsorgung". In
der Studiobühne der Universität Paderborn kam es zu einer
kabarettistischen West-Ost-Begegnung. Zusammen mit den
Magdeburger Kugelblitzen brachte man ein spezielles
Vereinigungsprogramm auf die Bühne.

1993 bewegten sich Radau und Düring wieder auf literarischem Parkett. Joachim Ringelnatz hatte es ihnen angetan. In „Etwas schief ins Leben gebaut" turnte, sang, rezitierte Eckhard Radau, kam als besoffener Kuttel Daddeldu auf die Bühne und Bernd Düring natzte das Klavier, mal schräg, mal jazzig, mal verspielt.

Nach 15 Jahren Kabarett in Paderborn wagten sich Eckhard
Radau und Bernd Düring nun an ein neues Projekt: ein
Kabarettprogramm über Paderborn, die „Paderborner Spitzen".
1999 wurde es in der Kulturwerkstatt uraufgeführt und live
mitgeschnitten, so dass 2000 die gleichnamige CD von Michael
Vogdt produziert werden konnte.

Mit dem Schlagzeuger Dieter Nowak stellte das Duo 2001 eine
zweite Revue zur Kabarettgeschichte zusammen. Sie handelt
vom Beginn und dem Ende der Weimarer Republik und heißt
daher folgerichtig „Schall und Rauch" und „Wilde Bühne".
Neben den schon vorgestellten Autoren Tucholsky, Kästner und
Ringelnatz kamen nun auch Werner Finck, Walter Mehring, Bert
Brecht und andere Kabarett-Stars der 20er Jahre zu Wort.

Mit dem Kleinprogramm „Wir sind alle Schooligans" drosch
Eckhard Radau zum ersten Mal auf den Schulbetrieb ein, stellte
mit dem Kabarettisten „Stani" die Kleinkunstreihe „Mehr als
Schwarz - die Paderborner Nacht" auf die Beine.

Aus seinem geheimen Wirkungsfeld, dem Kochen, zelebrierte
Eckhard Radau 2002 mit fachmännischer Hilfe von Bernd
Düring und musikalischer Unterstützung durch Barny Bürger ein
neues Kabarettmenü. Es sollte bislang das sinnlichste
Programm des Kabarett Radau werden: die „Kantinen-Kantate
- vom Kochen, vom Wein und der Liebe".
Der Globus hat die Krätze

eine Erich-Kästner-Revue
aus Chansons, Jazz und Rezitation

von und mit Kabarett RADAU: Eckhard Radau, Bernd
Düring sowie als Gästen Barny Bürger und Urs
Wiehager

„Der Globus hat die Krätze", so beschreibt eine Romanfigur in
Erich Kästners „Fabian" die (welt-)politische Lage am Ende der
„Zwanziger Jahre".

Hat die Welt sich in den letzten fünfundsiebzig Jahren
verändert? Hat sie, klar - aber wie und wozu?

In ihrer Kästner-Revue geht das Kabarett Radau diesem
Problem auf den Grund und zeigt am Leben und Werk dieses
deutschen Schriftstellers die Befindlichkeiten der menschlichen
Seele auf.

Erich Kästner hat viele Gesichter, so viele, dass auch ein
abendfüllendes Programm nicht alle Aspekte berücksichtigen
kann. So ist dieser Abend auch eine Auseinandersetzung
des Kabarett-Duos mit „ihrem" Autor.

Das bekannteste Kästner-Bild ist sicherlich das des weltweit
bekannten Autors von Kinderbüchern wie „Emil und die
Detektive", „Pünktchen und Anton" oder „Das doppelte
Lottchen". Daneben veröffentlichte Kästner neben Romanen für
Erwachsene (u.a. „Fabian", „Drei Männer im Schnee") auch
Dramatisches. In „Die Schule der Diktatoren" werden
Doppelgänger für Diktatoren ausgebildet (ein gewisser Saddam
H. lässt grüßen).

Vor allem aber war Kästner ein Lyriker und Feuilletonist, dem
die satirische Schärfe ebenso lag wie das Feinsinnige. Er
schaffte es neben Brecht, Tucholsky, Morgenstern und
Ringelnatz das Gedicht aus der expressionistischen bzw.
neo-romantischen „Ecke" zu befreien. Kästner sah Heinrich Heine als seinen Tambour und orientierte sich an dessen „trommelnden" Zeitgedichten.

Kästners Lyrik atmet „Alltagssprache". Die Gedichte sind mal
moralisch, mal spitzzüngig. Viele werden in den zahlreichen
Berliner Kabaretts auf der Bühne rezitiert. „Neue Sachlichkeit"
sagen die Literaturwissenschaftler, „Asphalt-Literatur" die
Faschisten, denen auch Kästner ein Dorn im Auge ist und
dessen Bücher auf dem Berliner Opernplatz als erste im Feuer
landen. Als verbotener Autor kann er nur unter Pseudonym
schreiben. Er bleibt - trotz Lebensgefahr - im faschistischen
Deutschland.



Erich Kästner - Ein Mann gibt Auskunft


Name:
Erich Kästner

Geboren:
23. Februar 1899 in Dresden

Gestorben:
29.Juli 1974 in München

Familienstand:
ledig, ein Sohn

Werdegang:
Musterschüler, Lehrerseminarist, Militärzeit, Student, Dr. Phil.,
Journalist, Versfabrikant
Sekretär, freier Schriftsteller

Gesinnung:
linksliberaler Pazifist

Lebensaufgabe:
Moralist

Kennzeichen:
äußerlich ordentlich gekleidet,
innerlich starke Mutterbindung


Unterwegs in fremden Zimmern - Kästner kennt auch dies: Nach dem ersten Weltkrieg - der ihm ein chronisches Herzleiden beschert (der Name und die Taten des
Sergeanten Waurich sind authentisch) - geht er von Dresden
nach Leipzig, wird von Leipzig nach Berlin versetzt - aufgrund
eines Gedichtes. Der „Nachtgesang des Kammervirtuosen" erscheint einigen Lesern der Zeitung, an der Kästner mitarbeitet, zu obszön und der Autor muss den Hut nehmen.

Gerade als er in Berlin Fuß gefasst hat, dabei ist ein berühmter Schriftsteller zu werden, wird dem Faschismus in Deutschland legal zur Macht verholfen. Kästners Bücher landen wie die anderer engagierter Schriftsteller auf dem Scheiterhaufen. Trotz Berufsverbots in Deutschland und mit der ständigen Angst lebend wieder einmal verhaftet zu werden bleibt er hier und veröffentlicht Drehbücher unter verschiedenen Pseudonymen. Weil er nicht ins Exil geht, muss er wieder unterwegs sein, meist illegal. So entgeht er wahrscheinlich 1945 dem Terror der Berliner SS, die noch kurz vor Kriegsende in einer Nacht der langen Messer alle potentiellen Opponenten ermorden will.


1945 ist er der erste namhafte Autor, der für das deutsche
Kabarett der Nachkriegszeit wieder tätig ist, für die „Schaubude" und „Die kleine Freiheit". Autobiographische Schriften wie „Als ich noch ein kleiner Junge war", „Der tägliche Kram" und „notabene 45" stehen ab jetzt - neben weiteren Kinderbüchern im Mittelpunkt seines Schaffens.

Die Revue will aber auch „Privates" dieses Kaffeehaus-Menschen beleuchten: Kästner als Verfasser amouröser Briefe
oder als Redner auf politischen Versammlungen gegen die
Wiederaufrüstung.


Umrahmt, untermalt und gestaltet wird das Programm durch die
Musik von Bernd Düring, der zusammen mit Eckhard Radau die
Gedichte vertonte, Barny Bürger am Schlagzeug und Urs
Wiehager am Bass.

Freuen Sie sich auf eine Reise durch die Zeit der „Zwanziger
Jahre" bis zum deutschen „Wirtschaftswunder"

Wir reisen alle im gleichen Zug
zur Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus.
Wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug
und viele im falschen Coupe.